Partner beurteilen: Was der Gesamteindruck verzerren kann

Wer einen Lieferanten oder Forschungspartner auswählt, muss verschiedene Qualitäten unterscheiden, die nicht zwangsläufig zusammen auftreten. Die Führungsfrage lautet konkret: Wie lässt sich verhindern, dass ein günstiger Eindruck im Gespräch auch die Beurteilung von Fähigkeiten bestimmt, für die eigenständige Nachweise erforderlich sind?
Was die Literatur belegt
Edward Thorndike (1920, Journal of Applied Psychology) beschrieb einen Fehler bei Personenbeurteilungen: Die Bewertungen unterschiedlicher Eigenschaften hingen übermässig stark zusammen. Er deutete dies als Einfluss eines Gesamteindrucks auf einzelne Urteile, heute als Halo-Effekt bekannt. Für Führungskräfte besteht das Risiko darin, mehrere günstige Bewertungen als unabhängige Bestätigungen zu behandeln, obwohl sie auf demselben Eindruck beruhen können.
Ein Eindruck verändert einzelne Urteile
Richard Nisbett und Timothy Wilson (1977, Journal of Personality and Social Psychology) zeigten Studierenden einen Dozenten, der je nach Version herzlich oder distanziert wirkte. Diese Manipulation veränderte ihre Bewertungen von Merkmalen wie seinem Aussehen, seinen Umgangsformen und seinem Akzent. Die Teilnehmenden erkannten im Allgemeinen nicht, welchen Einfluss der Gesamteindruck auf ihre einzelnen Bewertungen hatte.

Der vorschnelle Schluss
Daraus könnte man ableiten, sämtliche zwischenmenschlichen Eindrücke auszublenden und ausschliesslich anhand von Unterlagen zu entscheiden. Diese Arbeiten rechtfertigen eine solche Regel nicht: Die Qualität der Interaktion kann ein relevantes Kriterium sein, wenn Zusammenarbeit zum Auftrag gehört. Entscheidend ist, sie als eigenständiges Kriterium zu beurteilen, statt sie als Nachweis für technische Kompetenz oder betriebliche Zuverlässigkeit zu verwenden. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was die Daten nicht garantieren
Die historischen Beobachtungen zu Personenbeurteilungen und das Experiment mit Studierenden messen nicht unmittelbar die Qualität betrieblicher Lieferantenentscheidungen. Sie belegen auch nicht, dass ein Raster mit mehreren Kriterien ausreicht, um den Halo-Effekt zu neutralisieren: Verschiedene Felder können denselben Eindruck unter unterschiedlichen Überschriften abbilden. Eine in sich stimmige Bewertung ist deshalb nicht zwingend eine belegte Bewertung.
Eine überprüfbare Praxis in Freiburg
Im SHR-Programm « Prise de décision » liesse sich in Freiburg eine Übung durchführen, die dokumentenbasierte Bewertungen mit Bewertungen nach einem Gespräch vergleicht, etwa bei einem Lieferanten der Lebensmittelwirtschaft oder einer Partnerschaft zwischen zweisprachiger Industrie und Hochschulstandort. Für jedes technische Kriterium würde das Team vor dem Gespräch die Belege und danach jede Bewertungsänderung samt der dafür ausschlaggebenden neuen Information in einem gemeinsamen deutsch-französischen Raster festhalten. Die Kennzahl wäre der Anteil technischer Bewertungsänderungen ohne neu dokumentierten Beleg: ein anhand der Unterlagen überprüfbares Signal zur erneuten Prüfung, kein automatischer Nachweis einer Verzerrung. Weiterführend: entdecken Sie die Entscheidungsfindung-Weiterbildung in Freiburg, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Entscheidungsfindung in Freiburg



- entscheidungsfindung
- Freiburg
- forschung
- Weiterbildung freiburg
