In einer anderen Sprache entscheiden: Was Zweisprachigkeit nicht garantiert

In einer zweisprachigen Organisation scheint die Sprachwahl für eine Entscheidungsunterlage eher eine Koordinationsfrage als eine Entscheidungsfrage zu sein. Die präzisere Managementfrage lautet: Kann sich die Abwägung verändern, wenn derselbe Sachverhalt in der Erstsprache oder in einer erlernten Sprache vorgelegt wird?
Was die Forschung belegt
Boaz Keysar, Sayuri Hayakawa und Sun Gyu An (2012, Psychological Science) beobachteten in ihren Experimenten, dass bestimmte Entscheidungsverzerrungen schwächer ausfielen, wenn die Teilnehmenden in einer Fremdsprache statt in ihrer Erstsprache nachdachten. Ihre Ergebnisse betreffen insbesondere den Einfluss der Risikodarstellung und die Verlustaversion. Sie belegen, dass die Sprache eine Wahl beeinflussen kann, nicht dass eine Fremdsprache jede Entscheidung verbessert.
Distanz kann auch das moralische Urteil verschieben
Albert Costa, Alice Foucart, Sayuri Hayakawa, Melina Aparici, José Apesteguia, Joy Heafner und Boaz Keysar (2014, PLOS ONE) untersuchten moralische Dilemmata, die in einer Erst- oder Fremdsprache vorgelegt wurden. Beim Fussgängerbrücken-Dilemma waren Teilnehmende, die eine Fremdsprache verwendeten, eher bereit, eine Person zu opfern, um mehrere andere zu retten. Eine geringere emotionale Resonanz ist eine mögliche Erklärung, doch dieses Ergebnis allein weist den Mechanismus nicht nach.

Der vorschnelle Schluss
Daraus könnte man ableiten, dass Beratungen in einer Fremdsprache zu rationaleren Entscheidungen führen. Dieser Schluss verwechselt eine Veränderung der Antworten mit einer nachgewiesenen Verbesserung ihrer Qualität. Bei Abwägungen zu Sicherheit, Arbeitsbedingungen oder Verpflichtungen gegenüber einem Lieferanten ist emotionale Distanz für sich genommen kein Kriterium einer guten Entscheidung. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was diese Experimente nicht abbilden
Diese Studien untersuchen experimentelle Aufgaben, nicht operative Entscheidungen zweisprachiger Teams. Eine erlernte Fremdsprache ist nicht unbedingt mit einer Sprache gleichzusetzen, die täglich verwendet und ebenso gut wie die Erstsprache beherrscht wird. In der Praxis können auch Übersetzung, Fachwortschatz und die Sicherheit beim Widersprechen den Austausch verändern: Die zitierten Ergebnisse erlauben es nicht, deren jeweiligen Einfluss in einem Freiburger Unternehmen zu bestimmen.
Eine überprüfbare Praxis in Freiburg
Im Rahmen des SHR-Programms zur Entscheidungsfindung könnte eine Übung Führungskräfte aus der Lebensmittelwirtschaft, der zweisprachigen Industrie und dem Hochschulstandort Freiburg zusammenbringen, um denselben fiktiven Fall einer Lieferantenauswahl zu beurteilen; die französische und die deutsche Fassung würden zuvor auf Gleichwertigkeit geprüft. Vor jeder Diskussion erhielten Teilnehmende, die in beiden Sprachen arbeiten können, nach dem Zufallsprinzip eine Fassung und hielten ihre Wahl, ihr ausschlaggebendes Kriterium sowie die Antwort auf eine Verständnisfrage fest, ergänzt um ihre Erstsprache und ihre Sprachsicherheit in der zugeteilten Sprache. Gemessen würde je Sprachfassung der Anteil der Teilnehmenden, die eine bestimmte Option empfehlen, zusammen mit den Teilnehmerzahlen und dem Anteil korrekter Antworten auf die Verständnisfrage. Ein Unterschied wäre ein Anlass zur Untersuchung und erneuten Prüfung, kein Beweis dafür, dass eine Sprache bessere Entscheidungen hervorbringt. Weiterführend: entdecken Sie die Entscheidungsfindung-Weiterbildung in Freiburg, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Entscheidungsfindung in Freiburg



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