Projektmanagement: Wann sollte man Anforderungen vor der Festlegung testen?

Ein Projekt muss Erwartungen in verbindliche Zusagen übersetzen, ohne unsichere Annahmen als gesicherte Tatsachen zu behandeln. Die Führungsfrage lautet konkret: Welche Anforderungen sollten geprüft werden, bevor sie im Pflichtenheft verbindlich festgelegt werden?
Was die Forschung belegt
Kathleen M. Eisenhardt und Behnam N. Tabrizi (1995, Administrative Science Quarterly) unterscheiden bei der Entwicklung von Computerprodukten zwischen der zeitlichen Verdichtung bekannter Schritte und einem erfahrungsbasierten Ansatz, der insbesondere auf Iterationen und Tests setzt. Ihre Ergebnisse zeigen, dass der Nutzen dieser Ansätze von der Unsicherheit des Umfelds abhängt. Ein Projekt zu beschleunigen bedeutet deshalb nicht immer, eine bereits definierte Abfolge schneller abzuarbeiten: Es kann erfordern, früher zu lernen, was überhaupt entwickelt werden muss.
Der Mechanismus: eine Annahme überprüfbar machen
Stefan H. Thomke (1998, Management Science) untersucht das Experimentieren als Entwicklungsaktivität, deren Organisation und Hilfsmittel die Kosten und die benötigte Lernzeit beeinflussen. Ein Prototyp ist nicht bloss eine unvollständige Version des Projektergebnisses: Er kann helfen, zwischen Lösungen zu unterscheiden, bevor eine kostspieligere Festlegung erfolgt. Für Projektverantwortliche geht es darum, die Unsicherheit zu benennen, die jeder Test verringern soll, statt lediglich mehr Vorführungen durchzuführen.

Der vorschnelle Schluss
Daraus könnte man ableiten, Spezifikationen seien durch Prototypen zu ersetzen. Diese Gegenüberstellung lässt sich mit den Studien nicht begründen: Experimente helfen, bestimmte Anforderungen zu klären, während deren Dokumentation für die Koordination der Umsetzung und die Abnahme notwendig bleibt. Eine regulatorische Pflicht wird nicht verhandelbar, nur weil ein Prototyp bei den Nutzenden gut ankommt. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was diese Daten nicht klären können
Die Artikel befassen sich mit Produktentwicklung und liefern keine direkte Bestätigung für sämtliche Dienstleistungsprojekte. Ein Test in einer vereinfachten Umgebung kann Integrations-, Sicherheits- oder Betriebsanforderungen bei grösserem Massstab übersehen. Die gängige Praxis bringt eine weitere Schwierigkeit mit sich: Eine genehmigte Vorführung ist nicht zwingend ein erfolgreicher Test, wenn zuvor kein Abnahmekriterium festgelegt wurde.
Eine überprüfbare Praxis in Genf
Im SHR-Programm «Projektmanagement» bietet sich für Genf folgende Übung an: eine noch unsichere Anforderung auswählen und vor ihrer Freigabe die Annahme, den Test und das Abnahmekriterium dokumentieren. Je nach Branche kann der Test den Aufnahmeprozess für neue Kundinnen und Kunden im Private Banking, einen Genehmigungsablauf in einer internationalen Organisation, eine Schnittstelle zur Rückverfolgbarkeit in der Luxusuhrenindustrie oder eine Dokumentenübergabe im Rohstoffhandel betreffen, bei Bedarf mit fiktiven Daten. Während einer Pilotphase wird der Anteil der so getesteten Anforderungen erfasst, die später wegen mangelnder Gebrauchstauglichkeit erneut bearbeitet werden müssen; für jeden Fall bleiben der Testnachweis und der Grund der Wiederaufnahme dokumentiert. Dieser Anteil wird mit demjenigen ungetesteter Anforderungen im selben Zeitraum verglichen, wobei Unterschiede in der Komplexität auszuweisen sind: Der Vergleich unterstützt eine lokale Entscheidung, belegt für sich allein jedoch keine Kausalität. Weiterführend: entdecken Sie die Projektmanagement-Weiterbildung in Genf, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Projektmanagement in Genf



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