Konfliktmanagement: Bedeutet Verständnis für fremde Prioritäten, selbst nachzugeben?

Bei einer Auseinandersetzung zwischen Abteilungen bleibt die Forderung nach mehr Empathie vage: Was soll konkret anders gemacht werden? Die nützliche Führungsfrage ist enger gefasst: Hilft das Verständnis für die Prioritäten des Gegenübers, eine Einigung zu erzielen, ohne die eigenen aufzugeben?
Was die Forschung belegt
Adam D. Galinsky, William W. Maddux, Debra Gilin und Judith B. White (2008, Psychological Science) unterscheiden in simulierten Verhandlungen experimentell zwischen kognitiver Perspektivenübernahme und emotionaler Empathie. Ihre Ergebnisse sprechen für einen Vorteil der Perspektivenübernahme beim Erkennen möglicher Einigungen und beim Schaffen von Mehrwert. Zu verstehen, was jemand erreichen will, ist deshalb nicht dasselbe, wie dessen Gefühle nachzuempfinden.
Die Perspektive wechseln, ohne die eigene Orientierung zu verlieren
Adam D. Galinsky und Thomas Mussweiler (2001, Journal of Personality and Social Psychology) zeigen, dass erste Angebote als Anker wirken und die abschliessende Einigung beeinflussen können. In ihren Experimenten lässt sich der Vorteil des ersten Angebots neutralisieren, indem die Aufmerksamkeit auf die Alternativen des Gegenübers, dessen Reservationspreis oder das eigene Verhandlungsziel gerichtet wird. Perspektivenübernahme kann somit helfen, einer anfänglichen Forderung besser standzuhalten, statt lediglich ein Zugeständnis zu suchen.

Der voreilige Schluss
Daraus könnte man ableiten, dass Verständnis allein einen Konflikt löst oder dass Empathie keinen Nutzen hat. Die Studien erlauben keinen dieser Schlüsse: Sie untersuchen Verhandlungsergebnisse, nicht sämtliche Funktionen der Empathie für zwischenmenschliche Beziehungen. Das Erkennen von Prioritäten macht manchmal einen Tausch möglich, kann aber auch eine tatsächliche Unvereinbarkeit deutlicher sichtbar machen. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was Simulationen nicht klären
Experimentelle Verhandlungen bilden die Dauer, die Abhängigkeiten und die regulatorischen Verpflichtungen eines beruflichen Konflikts nicht vollständig ab. Wer sich die Interessen des Gegenübers vorstellt, ohne sie zu überprüfen, ersetzt in der Praxis möglicherweise ein Missverständnis durch eine falsche Zuschreibung. Nützliche Perspektivenübernahme liefert deshalb Hypothesen, die mit dem Gegenüber geprüft werden müssen, und keine Diagnose seiner Absichten.
Eine überprüfbare Praxis in Basel
In Basel kann das SHR-Programm «Gestion du conflit» den Rahmen für eine Übung zu einem Terminkonflikt zwischen Pharmaproduktion, Life Sciences, Rheinlogistik und internationaler Forschung und Entwicklung bieten. Bevor die Beteiligten eine Lösung vorschlagen, halten sie die vermuteten Prioritäten der anderen Seite schriftlich fest und lassen sie bestätigen oder korrigieren; dabei unterscheiden sie verhandelbare Präferenzen von regulatorischen Vorgaben. Während einer vorab festgelegten Pilotphase wird anhand datierter Unterlagen der Anteil der vermuteten Prioritäten erfasst, die das Gegenüber korrigiert. Diese Kennzahl überprüft die Genauigkeit des anfänglichen Verständnisses, belegt für sich allein aber noch keine bessere Konfliktlösung. Weiterführend: entdecken Sie die Konfliktmanagement-Weiterbildung in Basel, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Konfliktmanagement in Basel



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