Kollektive Entscheidungen: Was die Gruppe möglicherweise nicht erfährt

An einer gemeinsamen Entscheidung können die richtigen Personen beteiligt sein, ohne dass deren individuelles Wissen zum Tragen kommt. Die präzise Führungsfrage lautet: Wie lässt sich überprüfen, ob Informationen, über die nur eine Person verfügt, vor der Entscheidung der Gruppe geprüft werden?
Was die Forschung belegt
Garold Stasser und William Titus (1985, Journal of Personality and Social Psychology) zeigten experimentell, dass Gruppendiskussionen Informationen bevorzugen, die anfangs mehreren Mitgliedern bekannt sind, gegenüber Informationen, über die nur eine Person verfügt. Bei ihren Entscheidungsaufgaben konnte diese Auswahl verhindern, dass die Gruppe jene Option erkannte, für die die Gesamtheit der verfügbaren Informationen sprach. Personen mit einander ergänzenden Informationen zusammenzubringen garantiert daher noch keinen vollständigen Informationsaustausch.
Warum Bekanntes die Diskussion prägt
Garold Stasser und William Titus (1987, Journal of Personality and Social Psychology) untersuchten, wie die Informationsmenge und der Anteil gemeinsam bekannter Informationen die Weitergabe nicht geteilter Informationen beeinflussen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass diese Informationsbedingungen den Austausch verändern. Der Auswahlmechanismus ist bedeutsam: Eine Information, die mehreren Mitgliedern bekannt ist, hat mehrere Chancen, eingebracht zu werden, anders als eine Information, die nur eine Person beitragen kann.

Der vorschnelle Schluss
Daraus könnte man ableiten, Diskussionen grundsätzlich zu verlängern oder allen die gleiche Redezeit einzuräumen. Diese Arbeiten belegen nicht, dass eine dieser Massnahmen allein ausreicht, um das Problem zu beheben. Eine ausgewogene Beteiligung beweist weder, dass nur Einzelnen bekannte Informationen ausgesprochen wurden, noch, dass sie die Entscheidung beeinflusst haben. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was diese Experimente nicht belegen
Diese Experimente beruhen auf strukturierten Aufgaben, bei denen die Forschenden die Verteilung der Informationen kennen und jene Option bestimmen können, für die die Gesamtheit der Informationen spricht. In einer Organisation können Informationen unsicher, widersprüchlich oder schwer überprüfbar sein; zudem lässt sich die beste Option nicht immer eindeutig erkennen. Der experimentelle Befund begründet Aufmerksamkeit für den Informationsfluss, aber kein Versprechen, dass ein vollständiger Austausch automatisch eine gute Entscheidung hervorbringt.
Eine überprüfbare Praxis in Lausanne
In Lausanne können ein Medtech-Gremium, eine Hochschulleitung, eine internationale Sportorganisation oder ein Scale-up aus der Genferseeregion dasselbe Vorgehen bei ihren nächsten gemeinsamen Entscheidungen erproben. Vor jedem Austausch hält jede Person separat jene Sachinformationen fest, die sie für relevant hält und weitergeben darf; nach der Sitzung vergleicht eine verantwortliche Person diese Aufzeichnungen mit dem Protokoll. Als Kennzahl dient der Anteil jener Informationen, die nur in einer ursprünglichen Aufzeichnung vorkommen und während der Diskussion tatsächlich geprüft wurden, wobei Prüfung und Übernahme getrennt betrachtet werden. Im SHR-Programm « Prise de décision » kann diese Überprüfung als Übung dienen: Sie dokumentiert den Austausch von Informationen, die nur Einzelne eingebracht haben, ohne damit allein die Entscheidungsqualität messen zu wollen. Weiterführend: entdecken Sie die Entscheidungsfindung-Weiterbildung in Lausanne, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Entscheidungsfindung in Lausanne



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