Einzelfälle: Was eine Geschichte nicht über den Bedarf aussagt

Ein Investitionsantrag enthält einen ausführlichen Erfahrungsbericht, ein anderer lediglich eine Tabelle. Die Führungsfrage lautet, wie sich ihre Prioritäten vergleichen lassen, ohne die Sichtbarkeit einer Person mit der Bedeutung des zu deckenden Bedarfs zu verwechseln.
Was die Forschung belegt
Christopher K. Hsee und Yuval Rottenstreich (2004, Journal of Experimental Psychology: General) zeigen experimentell, dass stärker affektgeleitete Bewertungen weniger empfindlich auf Mengenunterschiede reagieren können als stärker rechnerisch begründete Bewertungen. In ihren Aufgaben verändert die Art, wie eine Bewertung angeregt wird, das Gewicht des Umfangs eines Nutzens. Das bedeutet nicht, dass jede Emotion das Urteil verzerrt, sondern dass die empfundene Intensität nicht zwangsläufig das Ausmass eines Bedarfs misst.
Wenn es nicht genügt, die Verzerrung zu erklären
Deborah A. Small, George Loewenstein und Paul Slovic (2007, Organizational Behavior and Human Decision Processes) untersuchen Spenden für identifizierbare Opfer und für statistisch dargestellte Opfer. In ihren Experimenten verringert die Aufklärung über diesen Unterschied die Spenden für das identifizierbare Opfer, ohne die Spenden für statistisch dargestellte Opfer zu erhöhen. Einen Mechanismus sichtbar zu machen, garantiert somit keine stärkere Berücksichtigung von Bedürfnissen ohne persönliches Gesicht.

Der vorschnelle Schluss
Daraus könnte man ableiten, Erfahrungsberichte aus Anträgen zu entfernen und ausschliesslich anhand von Zahlen zu entscheiden. Diese Studien rechtfertigen eine solche Regel nicht: Eine Geschichte kann eine Schwierigkeit aufzeigen, die vorhandene Kennzahlen nicht erfassen. Es geht darum, sie als Hinweis oder Erklärung zu nutzen, ohne ihr allein die Rangordnung zu überlassen. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was sich aus den Daten nicht übertragen lässt
Diese Experimente betreffen Bewertungen und Spenden, nicht Investitionsentscheidungen in Walliser Organisationen. Sie belegen weder das Ausmass des Phänomens in diesen Organisationen noch die Wirksamkeit eines bestimmten Entscheidungsrasters. Auch die Zahl der betroffenen Personen genügt nicht als Kriterium: Schweregrad, Sicherheitsverpflichtungen und Gerechtigkeit können berechtigterweise Vorrang haben.
Eine überprüfbare Praxis in Sion
Im Rahmen des SHR-Programms zur Entscheidungsfindung könnte eine Übung in Sion anonymisierte Anträge aus Wasserkraft, Gesundheitswesen, Weinbau und alpinem Tourismus vergleichen, ohne die Branchen künstlich gegeneinander auszuspielen. Bei jeder organisationsinternen Priorisierung würden zwei Gruppen dieselben Informationen prüfen, wobei die eine zuerst den Erfahrungsbericht und die andere zuerst die Daten zum Ausmass und zur Schwere des Bedarfs erhält. Gemessen würde der Anteil der Anträge, deren Prioritätsrang zwischen den Gruppen abweicht, ergänzt durch die schriftlich genannten Kriterien. Eine solche Abweichung wäre ein Anlass, die Empfindlichkeit gegenüber der Darstellung zu untersuchen, aber kein Beweis dafür, dass eine der Rangfolgen richtig ist. Weiterführend: entdecken Sie die Entscheidungsfindung-Weiterbildung in Sitten im Kanton Wallis, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Entscheidungsfindung in Sitten



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