Konfliktmanagement: zuerst die Schwächen der eigenen Argumentation prüfen?

Geht es in einem Konflikt um Verantwortung oder die Verteilung von Ressourcen, kann jede Seite ihre eigene Position für objektiv gerechtfertigt halten. Die konkrete Führungsfrage lautet: Kann es Verhandlungen erleichtern, wenn alle Beteiligten vor dem Gespräch Schwächen ihrer eigenen Argumentation benennen?
Was die Literatur belegt
Ziva Kunda (1990, Psychological Bulletin) gibt einen Überblick über motiviertes Schlussfolgern: Das gewünschte Ergebnis kann beeinflussen, wie wir Argumente auswählen und bewerten. Dieser Prozess setzt keine Täuschungsabsicht voraus; er bleibt daran gebunden, dass sich eine plausible Begründung konstruieren lässt. In einem Konflikt garantiert eine aufrichtige Überzeugung deshalb keine unvoreingenommene Argumentation.
Wenn dieselben Fakten zwei Positionen rechtfertigen
Linda Babcock und George Loewenstein (1997, Journal of Economic Perspectives) untersuchen, wie eigennützige Urteilsverzerrungen zu Verhandlungsblockaden beitragen. Die besprochenen Experimente zeigen, dass Parteien mit denselben Informationen unterschiedlich beurteilen können, was gerecht wäre – jeweils zugunsten ihrer eigenen Rolle. Die Autoren berichten zudem, dass die Prüfung von Schwächen der eigenen Argumentation diese Verzerrung unter experimentellen Bedingungen abschwächen kann.

Der voreilige Schluss
Daraus könnte man ableiten, dass Konflikte nur deshalb fortbestehen, weil den Beteiligten die nötige Distanz fehlt. Das würde jedoch einen kognitiven Mechanismus mit einer vollständigen Erklärung verwechseln: Tatsächlich unvereinbare Interessen, regulatorische Pflichten oder unzureichende Ressourcen können den Dissens aufrechterhalten. Die eigene Argumentation zu prüfen bedeutet weder, auf Rechte zu verzichten, noch anzunehmen, dass die Verantwortung zwangsläufig geteilt ist. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was die Daten nicht versprechen können
Der Überblick zum motivierten Schlussfolgern ist keine Evaluation eines Verfahrens zur Konfliktbearbeitung am Arbeitsplatz. Die besprochenen experimentellen Verhandlungen bilden langfristige Beziehungen, hierarchische Ungleichgewichte oder sprachliche Rahmenbedingungen einer Organisation nicht vollständig ab. Die öffentliche Aufforderung, eigene Schwächen einzugestehen, kann zudem als Angriff erlebt werden: Eine individuelle Vorbereitung ist ein vorsichtigerer Ausgangspunkt, ohne eine Einigung zu garantieren.
Eine überprüfbare Praxis in Freiburg
Im Rahmen des SHR-Programms « Gestion du conflit » liesse sich in Freiburg folgende Übung erproben: Vor einem Gespräch über Ressourcen oder Verantwortlichkeiten hält jede Person für sich eine Schwäche der eigenen Argumentation und einen Sachverhalt fest, der ihre Position verändern könnte. In einem Betrieb der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, einem zweisprachigen Industrieteam oder einer Einheit im Hochschulumfeld könnte die Vorbereitung auf Deutsch oder Französisch erfolgen; anschliessend werden die mitgeteilten Punkte zur Verständnissicherung in eigenen Worten wiedergegeben. Für die nächsten ausgewählten Gespräche wird der Anteil erfasst, in dem jede Partei ein beobachtbares Kriterium für die Revision ihrer Position formuliert; beim Folgetermin wird geprüft, ob neue Fakten tatsächlich eine erneute Prüfung ausgelöst haben. Dieser Indikator erfasst die Überprüfung von Positionen, nicht das Verschwinden des Konflikts, und unterscheidet eine ergebnisoffene Vorbereitung von einer blossen Rechtfertigungsübung. Weiterführend: entdecken Sie die Konfliktmanagement-Weiterbildung in Freiburg im Kanton Freiburg, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Konfliktmanagement in Freiburg



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