Heikle Gespräche: Was verändert eine schlaflose Nacht?

Nach einem nächtlichen Einsatz oder einem längeren Bereitschaftsdienst muss eine Führungskraft möglicherweise eine schwierige Entscheidung mitteilen oder ungenügende Leistungen ansprechen. Die Führungsfrage ist konkret: Soll dieses Gespräch ohne zusätzliche Vorkehrungen stattfinden, wenn Schlaf gefehlt hat?
Was die Forschung belegt
Seung-Schik Yoo, Ninad Gujar, Peter Hu, Ferenc A. Jolesz und Matthew P. Walker (2007, Current Biology) beobachteten nach Schlafentzug eine stärkere Reaktivität der Amygdala auf negative Bilder und eine verringerte funktionelle Konnektivität mit einer medialen präfrontalen Region. Diese Ergebnisse zeigen, dass Schlafmangel die Funktionsweise von Schaltkreisen verändert, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind. Sie belegen nicht, dass eine müde Führungskraft ein Gespräch zwangsläufig schlecht führen wird.
Eine Schwierigkeit, die auch die Wahrnehmung betrifft
Els van der Helm, Ninad Gujar und Matthew P. Walker (2010, Sleep) zeigten, dass Schlafentzug das Erkennen bestimmter emotionaler Gesichtsausdrücke beeinträchtigte, insbesondere bei mittlerer Intensität. Die Schwierigkeit betrifft somit nicht nur die Reaktion der Führungskraft, sondern auch ihre Deutung der Signale des Gegenübers. Für berufliche Gespräche lässt sich daraus eine Vorsichtsmassnahme ableiten: eine Interpretation durch Nachfragen prüfen, statt einen mehrdeutigen Ausdruck als Beleg zu behandeln.

Der vorschnelle Schluss
Daraus könnte man ableiten, nach einer schlechten Nacht jedes schwierige Gespräch zu verschieben. Diese Arbeiten liefern jedoch weder einen Schwellenwert für die Schlafdauer als Entscheidungsgrundlage noch eine Regel für Gesprächsverschiebungen im Arbeitsalltag. Für das SHR-Programm Emotionale Intelligenz ist die Folgerung zurückhaltender: einen Zustand erhöhter Anfälligkeit erkennen lernen, ohne daraus eine Ausrede oder ein Urteil über mangelnde Kompetenz zu machen. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was die Daten nicht entscheiden können
Experimenteller Schlafentzug ist nicht mit einer gewöhnlichen, etwas zu kurzen Nacht gleichzusetzen, und eine Aufgabe mit Bildern bildet keine Arbeitsbeziehung ab. Die zitierten Studien untersuchen weder die Wirksamkeit einer Gesprächsverschiebung noch jene des systematischen Paraphrasierens in einem Team. Die Prävention allein der Selbstdisziplin der Führungskraft zu überlassen, würde zudem die Organisation von Bereitschaftsdiensten und Erholungszeiten ausblenden.
Eine überprüfbare Praxis in Bern
In Bern kann eine Einheit der Bundesverwaltung oder des öffentlichen Gesundheitswesens, ein Telekomdienst oder ein Präzisionsunternehmen eine Regel für heikle Gespräche nach einem nächtlichen Einsatz erproben: wenn möglich eine Verschiebung anbieten und andernfalls Interpretationen ausdrücklich überprüfen und Entscheidungen nochmals zusammenfassen. Während eines Monats werden ausschliesslich der betriebliche Kontext, die Durchführung oder Verschiebung des Gesprächs sowie das Vorliegen einer vom Gegenüber bestätigten oder korrigierten Zusammenfassung erfasst, ohne persönliche Schlafdaten zu erheben. Die zentrale Messgrösse ist der Anteil der betreffenden Gespräche mit dieser Überprüfung, ergänzt durch die verlangten Korrekturen an der Zusammenfassung. Diese Erfassung überprüft die Umsetzung einer Vorsichtsmassnahme, nicht eine nachgewiesene Verbesserung der emotionalen Intelligenz. Weiterführend: entdecken Sie die Emotionale Intelligenz-Weiterbildung in Bern im Kanton Bern, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Emotionale Intelligenz in Bern



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