Ist es in Sion ein Zeichen von Zuverlässigkeit, krank zu arbeiten?

Im Programm «Psychosoziale Risiken» von SHR — Swiss Human Resources verdient die Anwesenheit ebenso viel Aufmerksamkeit wie die Abwesenheit. Die Führungsfrage ist präzise: Wie lässt sich der Betrieb aufrechterhalten, ohne die Anwesenheit einer kranken Person stillschweigend zur Pflicht zu machen?
Was die Forschung belegt
Gunnar Aronsson, Klas Gustafsson und Margareta Dallner (2000, Journal of Epidemiology and Community Health) untersuchten das Arbeiten trotz der Einschätzung, der eigene Gesundheitszustand würde eine Krankmeldung rechtfertigen. Ihre schwedische Befragung zeigt unter anderem Unterschiede zwischen Berufsgruppen, wobei das Arbeiten trotz Krankheit in bestimmten Pflege- und Bildungsberufen häufiger vorkommt. Sie legt nahe, die Arbeitsorganisation zu berücksichtigen, statt diese Anwesenheit lediglich als persönliche Eigenschaft zu verstehen.
Der Mechanismus hinter dem Anwesenheitsdruck
Gary Johns (2010, Journal of Organizational Behavior) gibt einen Überblick über die Präsentismusforschung und unterscheidet das Anwesenheitsverhalten von seinen möglichen Folgen für die Produktivität. Sein Bezugsrahmen berücksichtigt insbesondere Anwesenheitszwänge, Einstellungen zur Arbeit und den beruflichen Kontext. Eine Person kann deshalb zur Arbeit kommen, nicht weil sie sich arbeitsfähig fühlt, sondern weil sie Nachteile ihrer Abwesenheit für das Team oder für sich selbst erwartet.

Der voreilige Schluss
Daraus könnte man ableiten, jede Anwesenheit mit einem gesundheitlichen Problem sei zwangsläufig schädlich und müsse verhindert werden. Dieser Schluss vermischt unterschiedliche Situationen: Mit einer Erkrankung angepasste Aufgaben zu erledigen, ist nicht dasselbe, wie sich trotz notwendiger Krankmeldung zum Weiterarbeiten verpflichtet zu fühlen. Führungskräfte müssen praktikable Alternativen schaffen, ohne die medizinische Beurteilung zu ersetzen. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was die üblichen Kennzahlen nicht zeigen
Die schwedische Befragung beruht auf Selbstauskünften und erlaubt für sich allein weder kausale Aussagen noch eine Übertragung der Ergebnisse auf Sion. Die Übersicht betont zudem die unterschiedlichen Definitionen und Messweisen von Präsentismus. Ein Bericht, der sich auf Abwesenheitstage beschränkt, zeigt deshalb weder die Gründe für das Arbeiten trotz Krankheit noch die tatsächlich verfügbaren Stellvertretungsmöglichkeiten.
Eine überprüfbare Praxis in Sion
In Sion können ein Instandhaltungsteam der Wasserkraft, ein Gesundheitsdienst, ein Weinbaubetrieb oder ein alpiner Tourismusanbieter dieselbe Frage prüfen: Was geschieht mit der Arbeit, wenn eine Person krankheitsbedingt ausfallen muss? Während vier Wochen wird jeder durch eine ungeplante Abwesenheit entstandene Vertretungsbedarf ohne Diagnose oder Identitätsangaben protokolliert und anschliessend geprüft, ob vor Beginn des betroffenen Einsatzes ausdrücklich eine Vertretung, eine Verschiebung oder eine Reduktion der Tätigkeit beschlossen wurde. Die Kennzahl ist der Anteil dieser Fälle, für die innerhalb dieser Frist eine betriebliche Lösung festgelegt wurde; sie misst die organisatorische Handlungsfähigkeit, nicht die Gesundheit der Mitarbeitenden. Diese Prüfung bietet einen Ausgangspunkt für die Prävention, ohne damit einen Rückgang des Präsentismus nachzuweisen. Weiterführend: entdecken Sie die Psychosoziale Risiken-Weiterbildung in Sitten im Kanton Wallis, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Psychosoziale Risiken in Sitten



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