Feedback: erst erklären lassen, dann die Lösung zeigen?

In einer Präzisionswerkstatt scheint es am einfachsten, eine Abweichung durch das Vorzeigen des richtigen Handgriffs oder der richtigen Einstellung zu korrigieren. Die Führungsfrage ist genauer: Sollte die Führungskraft die Mitarbeitenden vor dem Aufzeigen der Lösung erklären lassen, weshalb eine Korrektur angemessen wäre?
Was die Literatur belegt
Michelene T. H. Chi, Miriam Bassok, Matthew W. Lewis, Peter Reimann und Robert Glaser (1989, Cognitive Science) untersuchten, wie Studierende anhand ausgearbeiteter Lösungsbeispiele physikalische Probleme lösen lernen. Erfolgreicher lernende Studierende formulierten mehr Erklärungen, die einzelne Lösungsschritte mit den zugrunde liegenden Prinzipien verbanden. Diese Beobachtung unterscheidet das Betrachten einer Lösung von der gedanklichen Arbeit, die zu ihrem Verständnis führt.
Der Mechanismus: fehlende Verbindungen herstellen
Michelene T. H. Chi, Nicholas de Leeuw, Mei-Hung Chiu und Christian LaVancher (1994, Cognitive Science) zeigten experimentell, dass die Aufforderung zu Selbsterklärungen beim Lesen eines Textes über das Kreislaufsystem das Verständnis verbesserte. Eine Selbsterklärung ist nicht bloss das Wiederholen einer Information: Lernende stellen dabei Verbindungen her und ergänzen ihre Überlegungen. Auf Feedback übertragen wäre die Hypothese, den Zusammenhang zwischen einer beobachteten Abweichung, ihrer Erklärung und der vorgesehenen Korrektur ausdrücklich formulieren zu lassen.

Der voreilige Schluss
Daraus könnte man ableiten, dass eine Führungskraft auf einen Fehler immer mit einer Frage reagieren sollte. Diese Arbeiten rechtfertigen weder das Zurückhalten unverzichtbarer Informationen noch das eigenständige Suchenlassen bei Qualitäts- oder Sicherheitsrisiken. Der Ansatz ist enger gefasst: Wenn die Situation es erlaubt, Raum für eine Erklärung schaffen und anschliessend den Gedankengang prüfen und korrigieren. (unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende)
Was die Daten nicht versprechen können
Diese Studien betreffen schulisches Lernen, nicht Feedbackgespräche in der Industrie. Sie belegen weder, dass eine überzeugende mündliche Erklärung eine korrekte Ausführung garantiert, noch dass diese Praxis Abweichungen in der Produktion reduziert. Eine Bewertung muss deshalb eine nachfolgende Aufgabe erfassen und darf sich nicht auf die Gesprächsqualität beschränken.
Eine überprüfbare Praxis in Neuchâtel
Im Rahmen des SHR-Programms « L'art du feedback » könnte ein Neuenburger Betrieb der Mikrotechnik, Uhrenindustrie oder Präzisionsmikroelektronik diesen Ablauf an Übungsfällen ausserhalb der Produktion testen: die vorgesehene Korrektur erklären lassen und danach die notwendige fachliche Rückmeldung geben. Dieser Ablauf wäre mit einer direkt durch die Schulungsleitung erklärten Korrektur zu vergleichen, bei zufälliger Zuteilung der Teilnehmenden und Fällen mit vergleichbarem Schwierigkeitsgrad. Messgrösse wäre der Anteil der Teilnehmenden, die bei einem neuen, gleichwertigen Fall ohne Hilfe die verfahrenskonforme Korrektur wählen, bewertet anhand eines vorab festgelegten Rasters. Das Ergebnis wäre ein lokaler Anhaltspunkt für den Lernerfolg, für sich allein aber noch kein Wirksamkeitsnachweis für die Produktion. Weiterführend: entdecken Sie die Die Kunst des Feedbacks-Weiterbildung in Neuenburg im Kanton Neuenburg, oder durchstöbern Sie unsere Weiterbildungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in der Schweiz.
In Bildern: Die Kunst des Feedbacks in Neuenburg



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